Veranstaltungen
Zsuzsanna Gahse – «Schon bald»

Eingeführt von Claudio Notz

Ein Neuanfang steht am Beginn des Buches: Die Protagonistin macht tabula rasa, räumt die Wohnung aus und entrümpelt – sie muss mit ihrem Partner aus dem Haus ausziehen. Dies ermöglicht ihr, im fast leeren Raum, ausgerüstet mit Schreibtisch und einer Füllersammlung, neue Geschichten zu sehen: «Wir üben das Aufgeben. Bei null anzufangen ist die Robinsonade.» So beginnen die Figuren im Raum, in dem man alles anfangen kann, ein Theaterstück einzustudieren. Genaue Detailbeobachtungen und kluge Reflexe fangen die Spontaneität des Improvisationstheaters ein, während der leere Raum mit viel Witz befüllt wird.

 

Zsuzsanna Gahse, geboren 1946 in Budapest, aufgewachsen in Wien und Kassel, lebt und arbeitet in Müllheim. Letzte Veröffentlichungen: Donauwürfel (2010), Südsudelbuch (2012), JAN, JANKA, SARA und ich (2015), Siebenundsiebzig Geschwister (2017), Schon bald (2019).

27.01.20, 19.30 Uhr

COALMINE Café, Türöffnung 18.30 Uhr, Eintritt: 20.– / 10.–, Mitglieder LVW: Eintritt frei

Dragica Rajčić Holzner – «Glück»

Eingeführt von Andrea Weber

«Ein Kind «fehlt» ins Wasser und gleich sind wir in der Welt von Dragica Rajčić Holzner, einer poetischen Welt, die Sprachnormen und Erzählkonventionen aufbricht. Wörter nehmen ungewohnte Formen an, Sätze geraten in Schieflage und Geschichten werden laufend revidiert.» (Der gesunde Menschenversand, 2019) Im neuen Buch Glück wandert die Kroatin Ana Jagoda aus dem Heimatdorf Glück in die USA aus und findet in einem «Womenirrhaus» in Chicago Schutz. Dort arbeitet sie ihre Geschichte auf, eine Geschichte der Gewalt an Frauen, die sich von Männergeneration zu Männergeneration fortschreibt. Rückblickend wird sie sich der Disposition von Macht bewusst, die in den Köpfen beider Geschlechter steckt. Glück erzählt von Migration, Gewalt und Emanzipation – den Themen der Stunde.

 

Dragica Rajčić Holzner, geboren 1959 in Split, lebt als Autorin und Dozentin für literarisches Schreiben in Zürich und Innsbruck. Rajčić Holzner schreibt Gedichte, Kurzprosa und Theaterstücke und hat zahlreiche Bücher publiziert, zuletzt Warten auf Brauch und Buch von Glück.

24.02.20, 19.30 Uhr

COALMINE Café, Türöffnung 18.30 Uhr, Eintritt: 20.– / 10.–, Mitglieder LVW: Eintritt frei

Franz Hohler – «Fahrplanmässiger Aufenthalt»

Eingeführt von Ruth Loosli

Neuer Austragungsort: Alte Kaserne (s. links)

 

Das Schreiben Franz Hohlers ist immer auch ein Reisen. Nicht selten entsteht es unterwegs, an Bahnhöfen oder Flughäfen, im Gehen oder Warten. Fahrplanmäßiger Aufenthalt versammelt die neueste Kurzprosa dieses großen Meisters der kleinen Form. Die Erzählungen führen in die Ferne, nach Sarajevo, Kenia, Odessa oder auf den Maidan nach Kiew. Sie führen aber auch in einen Wartesaal am Bahnhof Schwäbisch Hall oder zur Birke vor dem eigenen Haus. Brillant beiläufig und pointiert öffnen sie die Fenster in die Wirklichkeit, die fremde wie die eigene, und gleiten unversehens ins Phantastische. Sie erzählen davon, was sich in unserer immer kleiner werdenden Welt entdecken lässt, wenn man nur genau hinsieht.

 

Franz Hohler, geboren 1943 in Biel, aufgewachsen in Olten. Er studierte einige Semester Germanistik und Romanistik, danach widmete er sich ganz der Kunst. Sein Werk umfasst unter anderem Kabarettprogramme, Theaterstücke, Film- und Fernsehproduktionen, Kinderbücher, Kurzgeschichten, Romane und Gedichte.

27.04.20, 19.30 Uhr verschoben

Alte Kaserne, Türöffnung 18.30 Uhr, Eintritt: 20.– / 10.–, Mitglieder LVW: Eintritt frei

Sascha Garzetti – «Mund und Amselfloh»

Eingeführt von Claudio Notz

Wer sich von der Sprache packen lässt, schwingt sich mit Sascha Garzettis Gedichten zu einer Reise auf. Da sind Gedichte aus den Parks der Grossstädte Europas: Paris, Istanbul, Stockholm, Oslo. Man flaniert, lässt den Blick schweifen und hört Gesänge. Am Grab von Gertrude Stein dreht sich das lyrische Ich und umkreist den Schlaf «wie Wörter am Zeilenfaden». Der Dichter beobachtet präzise und kommentiert scharfsinnig, geht Spuren nach und legt selbst Fährten. Umtriebig wird zu einer Sprache, was ungeübten Beobachtern entschwände. Präsent ist auch immer das Sinnieren über die Wirklichkeit: «Was sie verliert, verwildert / in die Sprache hinein».

 

Sascha Garzetti, geboren 1986 in Zürich, lebt und arbeitet in Baden. Studium der Germanistik, Geschichte und Nordistik. Gedichtbände: Vom Heranwachsen der Sterne (2010), Und die Häuser fallen nicht um (2015), Mund und Amselfloh (2018).

04.05.20, 19.30 Uhr

COALMINE Café, Türöffnung 18.30 Uhr, Eintritt: 20.– / 10.–, Mitglieder LVW: Eintritt frei

Grand Prix Literatur 2020: Sibylle Berg

Moderation: Evelyn Schertler Kaufmann

Neu:  Die Literarische Vereinigung Winterthur kooperiert erstmals mit dem Salzhaus und wechselt für diesen Termin von der Coalmine ins Salzhaus. Dort tauchen unzensierte Texte wortakrobatisch in eine schweisstreibende Rap-Performance – ein Literatur-Crossover!

 

Die Geschichte spielt in Rochdale und London, UK, wo sich 4 Jugendliche in einer Revolution versuchen. Flucht aus bedrückender sozialer Herkunft und Manipulation der Medien, hinein in eine vom Brexit durchgeschüttelte Grossstadt, die sich als Überwachungsdiktatur entpuppt. Hannah, Karen, Don und Peter wollen aussteigen, ausserhalb des Systems überleben. Sie starten ihre eigene Art des Widerstands mit Grime, kurz GRM – der besten musikalischen Erfindung seit dem britischen Punk. Grime bringt jeden Tag neue You-Tube-Stars hervor und liefert neue Role-Models. Der Text ist keine Dystopie und dennoch düster: Die Überwachungsdiktatur ist fast perfekt. Jeden Tag wird ein anderes Land im Westen autokratisch. Algorithmen ersetzen Menschen. Menschen ersetzten einander. Kein Platz für Träume, ausser in der Musik. Ist es die Welt, in der wir leben? Heute schon – oder morgen? Schlimm – oder anders?

 

Die Autorin Sibylle Berg lebt in Zürich. Ihr Werk umfasst 21 Theaterstücke, 14 Romane und wurde in 34 Sprachen übersetzt. Sie arbeitet als Herausgeberin, verfasst Hörspiele und Essays, erhielt diverse Preise, zuletzt den Deutschen Buchpreis und den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor (2019).

 

Der Musiker Pablo Vögtli arbeitet seit 2011 bei SRF, präsentiert auf SRF Virus die Sendung «Bounce» und ist Mitbegründer des jährlichen Live-Rap-Events «Cypher». Ab 11/19 moderiert er jede Woche den «Black Music Special» und stellt dort Neuheiten aus den Bereichen Rap, Soul und R&B vor.

11.05.20, 19.30 Uhr abgesagt

Salzhaus, Untere Vogelsangstrasse 6, Türöffnung 18.30 Uhr, Eintritt: 20.– / 10.–, Mitglieder LVW: Eintritt frei

Susanne Röckel – «Kentauren im Stadtpark»

Eingeführt von Adriana Rey

Tabea wird von ihrem Ehemann betrogen und will ihn an sich binden mittels eines Hemdes, das Zauberkräfte besitzen soll. Getragen hat es zuletzt jener Mann – oder war es ein Kentaur? –, der Tabea als junge Frau brutal vergewaltigt hat. Albert trauert um seine Frau und empfindet gleichzeitig Schuldgefühle, wenn er an ihre letzten Lebensmonate denkt. Im italienischen Tiefland sucht er Trost im Gesang der Sirenen. Uta schliesslich hat ihr Leben der Hilfe für andere verschrieben. Als sie sich zu einem rätselhaften jungen Mann hingezogen fühlt, ist es mit ihrer selbstlosen Hingabe vorbei. Sie flüchtet in den Wald und verschmilzt am Ende mit ihm. Geschickt verwebt Susanne Röckel in drei Erzählungen realistische Geschichten mit antiken Mythen und wirft damit beunruhigende Fragen auf: Wie trennscharf sind die Grenzen zwischen Realität und Phantasie? Welche Abgründe lauern in und um uns – in der Natur, in unseren Beziehungen, in unseren Sehnsüchten?

 

Susanne Röckel wurde 1953 geboren und arbeitet als Schriftstellerin und literarische Übersetzerin in München. Ihr Roman Der Vogelgott stand 2018 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

24.05.20, 14.30 Uhr verschoben

Münzkabinett Winterthur, Villa Bühler, Lindstrasse 8, Eintritt:  20.– / 10.–, Mitglieder LVW: Eintritt frei

Daniel Kampa, der Nobelpreisverleger

Moderation: Barbara Tribelhorn

Er ist einer der Grossen des deutschen Verlagswesens: Daniel Kampa. Mehr als 20 Jahre war er bei Diogenes, ab 2004 in der Geschäftsleitung des Zürcher Verlags, bevor er 2013 Verleger bei Hoffmann und Campe wurde.  2018 das völlig verrückte Unterfangen: Er gründete einen eigenen Verlag. Mit dem Herbstprogramm 2018 kam der Donnerschlag: Olga Tokarczuk, das Flaggschiff des jungen Verlags, erhielt den Literaturnobelpreis. Dazu sagt er lapidar: «1200 Seiten! Das bringt einen kleinen Verlag an die Grenze. Allein für das Papier haben wir 12’000 Euro vorab zahlen müssen. Aber umgekehrt kann man mit einem kleinen Verlag etwas Verrücktes machen.» So kam es also, dass der Kampa Verlag in aller Munde ist.

 

Wir fühlen dem genialsten Verleger dieser Tage auf den Zahn: Was braucht es, um erfolgreich zu verlegen? Wie kommt man an grosse Namen, wie kalkuliert man ein Buch? Wer übersetzt es, wer sucht das Cover aus, was macht man eigentlich an einer Buchmesse?

08.06.20, 19.30 Uhr

COALMINE Café, Türöffnung 18.30 Uhr, Eintritt:  20.– / 10.–, Mitglieder LVW: Eintritt frei

Uwe Kolbe liest neue Gedichte aus «Imago»

Eingeführt von HansJoerg Diener

Gibt es ein leichtes Sprechen, das nicht leichtfertig ist? Ein Sprechen, das Eifer und Zorn hinter sich lässt, ohne deshalb bequem zu werden? Ein Sprechen, das zu dem Überall von Information und Meinung ruhigere Seitenstücke bildet, Worte findet, mit denen Lebensfragen zu formulieren sind? Ein Wanderer nimmt in Uwe Kolbes neuen Gedichten die Natur und den Himmel in sein Lied herein. Wie schon in seinen erfolgreichen Psalmen sind vor allem die gefiederten Begleiter allgegenwärtig: die Krähen und ihr Krakeel, die Amsel, ihr klagender Ton, der Bussard in seiner Höhe. Literarische Konvention verbindet sich dabei mit dem Wissen um das fragile Gleichgewicht des Planeten.

 

Uwe Kolbe, 1957 in Ostberlin geboren, übersiedelte 1988 nach Hamburg und lebt heute in Dresden. Für seine Arbeit wurde er u.a. mit dem Stipendium der Villa Massimo, dem Preis der Literaturhäuser, dem Heinrich-Mann-Preis und dem Lyrikpreis Meran ausgezeichnet. Zuletzt erschienen der Roman Die Lüge (2014), der Essay Brecht. Rollenmodell eines Dichters (2016) sowie die Gedichtbände Lietzenlieder (2012), Gegenreden (2015) und Psalmen (2017).

29.06.20, 19.30 Uhr

COALMINE Café, Türöffnung 18.30 Uhr, Eintritt:  20.– / 10.–, Mitglieder LVW: Eintritt frei