Literatur in Winterthur

«Valentin las auch deshalb so gern, weil er fest daran glaubte, dass man durch nichts auf der Welt so viele Leben neben- und nacheinander leben konnte wie durch das Lesen.»


Rafik Schami, Reise zwischen Nacht und Morgen

Aktuell
Kenah Cusanit — «Babel»

Eingeführt von Lisa Briner

Ein Bein in Kamillentee, eine Flasche Rizinusöl neben sich liegt Robert Koldewey in der Hitze des Ausgrabungshauses am Euphrat und versucht, sich vor der befürchteten Blindarmentzündung zu bewahren. Im Auftrag der Deutschen Orient-Gesellschaft soll der Archäologe in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg im heutigen Irak die Wiege der Zivilisation ausgraben: die Metropole Babylon mit ihrem sagenhaften Turm von Babel. Was das bedeutet, macht die Altorientalistin und Ethnologin Kenah Cusanit in Babel ebenso klug wie witzig greifbar: Zwar rührt sich der Forscher, dem das Pergamonmuseum Schätze wie das Ischtar-Tor verdankt, im Roman kaum von der Stelle. Doch entsteht vor unseren Augen ein Panorama von Mühsal und Euphorie der Ausgrabungen, der Zähigkeit von Verhandlungen mit arabischen Stammesführern und wilhelminischer Bürokratie, von der europäischen Vermessung und Eroberung der Welt durch die Wissenschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

 

Kenah Cusanit, geboren 1979, publizierte Essays und Gedichte. Ihr Debütroman Babel (2019) wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Sie lebt in Berlin.

25.11.19, 19.30 Uhr

COALMINE Café, Türöffnung 18.30 Uhr, Eintritt: 20.– / 10.–, Mitglieder LVW: Eintritt frei

Sascha Garzetti – «Mund und Amselfloh»

Eingeführt von Claudio Notz

Wer sich von der Sprache packen lässt, schwingt sich mit Sascha Garzettis Gedichten zu einer Reise auf. Da sind Gedichte aus den Parks der Grossstädte Europas: Paris, Istanbul, Stockholm, Oslo. Man flaniert, lässt den Blick schweifen und hört Gesänge. Am Grab von Gertrude Stein dreht sich das lyrische Ich und umkreist den Schlaf «wie Wörter am Zeilenfaden». Der Dichter beobachtet präzise und kommentiert scharfsinnig, geht Spuren nach und legt selbst Fährten. Umtriebig wird zu einer Sprache, was ungeübten Beobachtern entschwände. Präsent ist auch immer das Sinnieren über die Wirklichkeit: «Was sie verliert, verwildert / in die Sprache hinein». An den Solothurner Literaturtagen war die Lesung rappelvoll. Es lohnt sich, diese junge Stimme der Schweizer Lyrik zu hören.

 

Sascha Garzettigeboren 1986 in Zürich, lebt und arbeitet in Baden. Studium der Germanistik, Geschichte und Nordistik. Gedichtbände: Vom Heranwachsen der Sterne (2010), Und die Häuser fallen nicht um (2015), Mund und Amselfloh (2018).

02.12.19, 19.30 Uhr

COALMINE Café, Türöffnung 18.30 Uhr, Eintritt: 20.– / 10.–, Mitglieder LVW: Eintritt frei

Regina Dieterle — «Theodor Fontane. Biographie»

Eingeführt von HansJoerg Diener

Zu seinem 200. Geburtstag hat Regina Dieterle Theodor Fontane eine umfassende Biografie gewidmet. Lebendig, anschaulich und auf der Grundlage jüngster Recherchen zeichnet sie ein zeitgemässes Bild des scheinbar vertrauten Autors, der zu den grossen europäischen Romanciers des 19. Jahrhunderts zählt. Neben den Romancier tritt nun der Reiseschriftsteller und Journalist. Wechselseitig betrachtet, werden die engen Verbindungen zwischen dem literarischen und dem journalistischen Werk deutlich. Das wirft nicht nur ein neues Licht auf Fontanes Arbeitsweise, sondern verändert auch unsere Lektüre der Romane. Regina Dieterles Biografie öffnet die Augen für ein staunenswertes Werk.

 

Regina Dieterle, geboren 1958, Germanistin, studierte und promovierte an der Universität Zürich. Sie publizierte zu Leben und Werk von Annemarie Schwarzenbach, Karl Stauffer-Bern, Theodor Fontane, Martha Fontane und – ganz frisch – zu Lydia Welti-Escher.

16.12.19, 19.30 Uhr

COALMINE Café, Türöffnung 18.30 Uhr, Eintritt: 20.– / 10.–, Mitglieder LVW: Eintritt frei