Literatur in Winterthur

«Valentin las auch deshalb so gern, weil er fest daran glaubte, dass man durch nichts auf der Welt so viele Leben neben- und nacheinander leben konnte wie durch das Lesen.»


Rafik Schami, Reise zwischen Nacht und Morgen

Aktuell
Dragica Rajčić Holzner – «Glück»

Eingeführt von Andrea Weber

«Ein Kind «fehlt» ins Wasser und gleich sind wir in der Welt von Dragica Rajčić Holzner, einer poetischen Welt, die Sprachnormen und Erzählkonventionen aufbricht. Wörter nehmen ungewohnte Formen an, Sätze geraten in Schieflage und Geschichten werden laufend revidiert.» (Der gesunde Menschenversand, 2019) Im neuen Buch Glück wandert die Kroatin Ana Jagoda aus dem Heimatdorf Glück in die USA aus und findet in einem «Womenirrhaus» in Chicago Schutz. Dort arbeitet sie ihre Geschichte auf, eine Geschichte der Gewalt an Frauen, die sich von Männergeneration zu Männergeneration fortschreibt. Rückblickend wird sie sich der Disposition von Macht bewusst, die in den Köpfen beider Geschlechter steckt. Glück erzählt von Migration, Gewalt und Emanzipation – den Themen der Stunde.

 

Dragica Rajčić Holzner, geboren 1959 in Split, lebt als Autorin und Dozentin für literarisches Schreiben in Zürich und Innsbruck. Rajčić Holzner schreibt Gedichte, Kurzprosa und Theaterstücke und hat zahlreiche Bücher publiziert, zuletzt Warten auf Brauch und Buch von Glück.

24.02.20, 19.30 Uhr

COALMINE Café, Türöffnung 18.30 Uhr, Eintritt: 20.– / 10.–, Mitglieder LVW: Eintritt frei

Franz Hohler – «Fahrplanmässiger Aufenthalt»

Eingeführt von Ruth Loosli

Neuer Austragungsort: Alte Kaserne (s. links)

 

Das Schreiben Franz Hohlers ist immer auch ein Reisen. Nicht selten entsteht es unterwegs, an Bahnhöfen oder Flughäfen, im Gehen oder Warten. Fahrplanmäßiger Aufenthalt versammelt die neueste Kurzprosa dieses großen Meisters der kleinen Form. Die Erzählungen führen in die Ferne, nach Sarajevo, Kenia, Odessa oder auf den Maidan nach Kiew. Sie führen aber auch in einen Wartesaal am Bahnhof Schwäbisch Hall oder zur Birke vor dem eigenen Haus. Brillant beiläufig und pointiert öffnen sie die Fenster in die Wirklichkeit, die fremde wie die eigene, und gleiten unversehens ins Phantastische. Sie erzählen davon, was sich in unserer immer kleiner werdenden Welt entdecken lässt, wenn man nur genau hinsieht.

 

Franz Hohler, geboren 1943 in Biel, aufgewachsen in Olten. Er studierte einige Semester Germanistik und Romanistik, danach widmete er sich ganz der Kunst. Sein Werk umfasst unter anderem Kabarettprogramme, Theaterstücke, Film- und Fernsehproduktionen, Kinderbücher, Kurzgeschichten, Romane und Gedichte.

27.04.20, 19.30 Uhr

Alte Kaserne, Türöffnung 18.30 Uhr, Eintritt: 20.– / 10.–, Mitglieder LVW: Eintritt frei

 

Sascha Garzetti – «Mund und Amselfloh»

Eingeführt von Claudio Notz

Wer sich von der Sprache packen lässt, schwingt sich mit Sascha Garzettis Gedichten zu einer Reise auf. Da sind Gedichte aus den Parks der Grossstädte Europas: Paris, Istanbul, Stockholm, Oslo. Man flaniert, lässt den Blick schweifen und hört Gesänge. Am Grab von Gertrude Stein dreht sich das lyrische Ich und umkreist den Schlaf «wie Wörter am Zeilenfaden». Der Dichter beobachtet präzise und kommentiert scharfsinnig, geht Spuren nach und legt selbst Fährten. Umtriebig wird zu einer Sprache, was ungeübten Beobachtern entschwände. Präsent ist auch immer das Sinnieren über die Wirklichkeit: «Was sie verliert, verwildert / in die Sprache hinein».

 

Sascha Garzetti, geboren 1986 in Zürich, lebt und arbeitet in Baden. Studium der Germanistik, Geschichte und Nordistik. Gedichtbände: Vom Heranwachsen der Sterne (2010), Und die Häuser fallen nicht um (2015), Mund und Amselfloh (2018).

04.05.20, 19.30 Uhr

COALMINE Café, Türöffnung 18.30 Uhr, Eintritt: 20.– / 10.–, Mitglieder LVW: Eintritt frei

Grand Prix Literatur 2020: Sibylle Berg

Moderation: Evelyn Schertler Kaufmann

Neu:  Die Literarische Vereinigung Winterthur kooperiert erstmals mit dem Salzhaus und wechselt für diesen Termin von der Coalmine ins Salzhaus. Dort tauchen unzensierte Texte wortakrobatisch in eine schweisstreibende Rap-Performance – ein Literatur-Crossover!

 

Die Geschichte spielt in Rochdale und London, UK, wo sich 4 Jugendliche in einer Revolution versuchen. Flucht aus bedrückender sozialer Herkunft und Manipulation der Medien, hinein in eine vom Brexit durchgeschüttelte Grossstadt, die sich als Überwachungsdiktatur entpuppt. Hannah, Karen, Don und Peter wollen aussteigen, ausserhalb des Systems überleben. Sie starten ihre eigene Art des Widerstands mit Grime, kurz GRM – der besten musikalischen Erfindung seit dem britischen Punk. Grime bringt jeden Tag neue You-Tube-Stars hervor und liefert neue Role-Models. Der Text ist keine Dystopie und dennoch düster: Die Überwachungsdiktatur ist fast perfekt. Jeden Tag wird ein anderes Land im Westen autokratisch. Algorithmen ersetzen Menschen. Menschen ersetzten einander. Kein Platz für Träume, ausser in der Musik. Ist es die Welt, in der wir leben? Heute schon – oder morgen? Schlimm – oder anders?

 

Die Autorin Sibylle Berg lebt in Zürich. Ihr Werk umfasst 21 Theaterstücke, 14 Romane und wurde in 34 Sprachen übersetzt. Sie arbeitet als Herausgeberin, verfasst Hörspiele und Essays, erhielt diverse Preise, zuletzt den Deutschen Buchpreis und den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor (2019).

 

Der Musiker Pablo Vögtli arbeitet seit 2011 bei SRF, präsentiert auf SRF Virus die Sendung «Bounce» und ist Mitbegründer des jährlichen Live-Rap-Events «Cypher». Ab 11/19 moderiert er jede Woche den «Black Music Special» und stellt dort Neuheiten aus den Bereichen Rap, Soul und R&B vor.

11.05.20, 19.30 Uhr

Salzhaus, Untere Vogelsangstrasse 6, Türöffnung 18.30 Uhr, Eintritt: 20.– / 10.–, Mitglieder LVW: Eintritt frei